Mittwoch, 12. Dezember 2018
Marie war in meiner Klasse. Ich weiß nicht mehr, wieso sie meine Freundin wurde. Marie war ein Engel. Hätte es damals schon die Verfilmung von Herr der Ringe gegeben, wäre sie eine Elbe gewesen. Ihr Bruder Elbenprinz.

Maries Eltern lebten in einem kleinen Häuschen in der oberen Etage. Die Wohnung war klein unter dem Dach. Jeder Raum hatte Schrägen. Maries Zimmer und das ihrer Eltern konnte man nur über eine kleine Holztreppe erreichen. Ihr winziges Zimmer lag direkt unter dem Dach, die Matratze auf dem Boden.

Marie und ich waren befreundet, wie Bruder und Schwester, so hat man das genannt. Sie war so liebevoll und zart und ich fühlt mich bei ihr so rauh und ordinär, kleiner als sie und schmuddelig, aber gut. Dass ich ein ebenso zarter Junge war, wusste ich damals noch nicht. Den erkannte ich erst nach vielen Jahren.

Ich war verliebt in Marie. Ich kam ihrem Körper näher als jedem anderen Menschen in der Zeit. Sie umarmte mich, als sie mit Fieber im Bett klag und ich bei ihr war, um sie zu besuchen. Danke, sagte sie. Ich massierte ihre Füße, als sie ihren Ferienjob in einem großen Warenlager hatte und acht Stunden in ihren Ballerinas durch die Gänge gelaufen war.

Sie war mit den großen, gut aussehenden Jungs, die Benetton-Pullover trugen, zusammen. Ich war der, der bei ihr zuhause ihre Depeche Mode-Platten auf Cassette überspielte. Ich teilte mit ihr das, was man mit Freundinnen teilt. Bücher, Träume, Gedanken.

Ihre Schönheit und Lieblichkeit faszinierte mich so sehr, dass ich mich dort glücklich fühlte. Schönheit, hat man festgestellt, macht tatsächlich glücklich.

Maries Haus lag in der besseren Gegend. Besser, weil die Häuser alleine standen. Wir wohnten in einem Wohnblock im Sozialbaugebiet. Es roch nach Kohl aus den Nachbarwohnungen. Über uns wohnte ein ständig aggressiver Rockabilly, neben mir mein Freund, dessen großer Bruder ein Poster von Apokalypse Now über dem Bett hängen hatte und Pornos unter der Matratze liegen. Mein Freund klärte mich anhand der Pornos auf. Offensichtlich hatte Sex nichts mit Marie zu tun. Offensichtlich lagen Freundschaft und Verliebt-Sein nah bei einander. Der Körper schien eine unzureichende Bedingung zu sein, die ich in Kauf nehmen musste. Nur heimlich und sehr partiell entdeckte ich die Lust. Klein, verborgen, nie von der gewaltige Größe, mit der Jungs sich gaben. Ich schien anders zu sein. Zu klein, zu zart. Die Traurigkeit wurde meine stehte Begleiterin. Man hätte mich nicht eines Besseren belehren können.

Ihre Mutter nahm mich auf wie einen Sohn. Ich genoss die Zeit, die ich mit ihnen verbrachte. Wir machten zusammen Fahrradtouren, kochten, aßen, wuschen ab. Ich war dabei als sie badete. Übernachtete mit ihr in der Holzhütte im Garten.

Mit 18 gingen wir unsere eigenen, getrennten Wege.

Ich lernte pragmatisch zu werden. Ich lernte, mich zu arrangieren mit der Realität. Langsam. Ich ging weg von Hamburg, kam zurück und zog dann ganz weg, um endlich raus aus dem Zwiespalt zu kommen. Meine Eltern, meine Freunde. Raus, um mich selbst zu finden.

Das war gut, aber ich habe nie herausgefunden, was ich eigentlich suche.

Ich habe ausgelernt. Man lernt nie aus, heißt es, aber das, was jetzt noch kommt, sind nur noch Variationen. Ich weiß, wie man seine Steuererklärung macht und ein Konto führt. Ich könnte in ein anderes Land ziehen, um zu lernen, wie Korruption und Bestechung gehen. Ich könnte lernen, dass es das auch hier gibt und große Artikel darüber schreiben, die den Menschen die Augen öffnen. Ich habe meine Neugier verloren. Und ich habe Angst davor, zynisch zu werden. Also rückfällig. Humorvoll ja, zynisch nein.

Ich bin lebensmüde, sage ich zu T. Nicht erschrecken, ergänze ich, ich meine das wortwörtlich ohne aktiv werden zu wollen. Nur so als Gefühl und Zustand.
Du brauchst ein Ziel, sagt T., und dein Ziel wirst Du im Tanz finden. Wahrscheinlich hast du Recht, antworte ich. Unsicher.

Ich habe einen Beruf, eine Familie, werde in zwei Wochen 52 und mein Ziel soll es sein, mich im Tanz zu finden. Was soll das bitte für ein Lebensweg sein?

Wenn ich tanze, bin ich bei den Engeln und Elben und gehe mit meinem Körper um, wie ich in meiner Kindheit und Jugend mit ihm hätte umgehen soll.

Marie war nie eine Verherrlichung, Marie war Teil einer Werdung. Das mag extrem klingen, ist aber nur dort so extrem gewesen, wo ich aufgewachsen bin. In einer Wüste voller Kakteen wirkt selbst die einfachste Blüte wie ein Farbenmeer.

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Rieche Kohl und den Duft der Wüste. Spüre die Lebensmüdigkeit und doch auch eine Sehnsucht, die ich wahrscheinlich in deine Zeilen reinprojiziere.

Lese den Text jetzt zum dritten mal. Würde dich gerne mal tanzen sehen.

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Nein, Du hast natürlich Recht. Da ist eine gehörige Portion Sehnsucht. Auch die wird mich immer begleiten.

Ich traue mich ja selbst kaum, mich tanzen zu sehen :)

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Marie war nie eine Verherrlichung, Marie war Teil einer Werdung.

Wie auch Sie Teil von Maries Werdung waren.

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Ja, daran denke ich so gut wie nie.

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