Dienstag, 25. August 2020
Wo ist Gedankendelta hin?

Ich habe mich mit M. getroffen, als wir im Urlaub in seiner Nähe waren. Ich will ja nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich wurde noch nie so geliebt und habe noch nie so Unfassbares gesagt bekommen. Aber ich bin hetero und das macht viel aus.

Man kann partnerschaftliche Liebe und Sex nicht trennen.

Können schon, so wie man Eigelb und Eiweiß trennen kann, aber dann trennt man nur etwas, was vorher zusammengehörte.

Mich hat das Treffen noch sehr lange sehr nachdenklich gemacht. Ich habe mit keiner Frau das, was ich mit ihm habe. Und ich nenne es tatsächlich eine Form von Liebe und wie viel er mir bedeutet, habe ich ihm gesagt.

Es ist traurigleidenschaftlichschön.

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Donnerstag, 30. Juli 2020
Seit genau vierzig Jahren spiele ich Gitarre und singe dazu, seit genau sechs tanze ich Ballett. Fiel mir heute so auf.

Die Musikwelt hat mit der Tanzwelt so gar nichts zu tun. Das Eine ist männerlastig, das Andere frauenlastig, so schade das ist. Dabei sind 50% derer, die Gitarre lernen, Frauen.

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Aber was ganz anderes. Meine Kollegin steht heute in der Tür und sagt: "Wegen der Rechnung kannst Du Müller (Name geändert) anrufen."
Ich nehme einen Schluck aus der Wasserflasche, denke über den Satz nach, verarbeite ihn, suche nach den richtigen Worten und sage: "Ich kommuniziere per E-Mail mit Frau Müller". Das heißt einfach nur, ich rufe sie nie an, ich schreibe ihr immer E-Mails.
Die Kollegin steht im Türrahmen, sekundenlang und plötzlich platzt es aus ihr raus: "Gott, bist Du arrogant! *Ich kommuniziere nur per E-Mail*", äfft sie mich nach.
Ich liege vor Lachen auf dem Tisch.

Ich kann da nichts für, ehrlich, ich muss mir immer anhören, ich sei arrogant, aber ich denke einfach immer nur nach über das, was ich sage und wenn ich die geeigneten Worte gefunden habe, formuliere ich sie kurz und knapp und eben einfach nur möglichst genau.

Ich war mal mit einer Freundin (lange her) im Kaufhaus und sagte: "Ich gehe derweil in die CD-Abteilung." Sie lachte sich fast schlapp, weil ich "derweil" sagte, das hätte sie noch nie jemanden im Alltag sagen hören. Was hätte ich sagen sollen? "Unterdessen"?! "Währenddessen?!"

Manchmal stelle ich mir einfach vor, ich sei ein zeitreisender Prinz, der hier nur zufällig gelandet ist. Das macht die Sache erstaunlich viel einfacher.

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Dienstag, 14. Juli 2020
Der Bildband von Justin Kurland, Girl Pictures, von der das Foto oben im Header stammt, ist endlich erschienen und eingetroffen.

Aber ich wollte was ganz anders erzählen, was ganz Intimes, was mich immer umtreiben wird. Meine Freundin hatte mich damals betrogen, was ich jetzt nicht gerade toll, aber auch nicht so tragisch fand, aber eines werde ich denen nie verzeihen, nämlich dass sie dabei wahrscheinlich Prince Around in the World in a Day gehört haben; das war nämlich die einzige Platte, die der Kerl damals besaß und meine Freundin mochte Prince, weil ich ein Prince-Fan war/bin. Seitdem hat das Album diesen faden Beigeschmack. Zum Glück habe ich das Album schon drei Jahre vorher gehört und kann damit noch andere Erinnerungen verbinden. Trotzdem, das werde ich nie verzeihen, weil ich immer an den Typen mit diesem Kifferzimmer denken muss, wenn ich das Album höre. Die haben mir das Album nicht gerade versaut, aber zumindest mit einem unangenehmen Beigeschmack versehen. Das ist unverzeihlich.

Ich sehe sie noch, alle beide, ab und zu, und wir grüßen uns freundlich und lässig, weil wir halt so waren.

Und Fremdgehen war auch nur Ausdruck einer gesunden Sexualität. Und Fremdgehen ist ein ganz blödes Wort. Und spiegelt Machtansprüche des Mannes gegenüber der Frau wider. Hab ich mal im rororo-Frauenbuch von vierundachtzig gelesen.

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Mittwoch, 13. Mai 2020
Die Tanzschulleiterin, die gerade über Zoom Unterricht gibt, freut sich, dass ich im Ballett dabei bin. Über Zoom ist es ja egal, da kann ich rein, wo ich will. Ich kenne die Gruppe nicht und bin etwas irritiert, weil der Unterricht auf Spitzentanz ausgerichtet ist. Es geht auch ohne Spitze. Außerdem kann ich endlich wieder Ballett probieren und ich merke, wie es mir wie Öl runtergeht, die Musik, die Bewegung, alles.

Ich habe immer ein doofes Gefühl, deshalb frage ich bei der Lehrerin nach. Nein, sie freut sich wie Bolle, dass ich dabei bin. Dabei wollte ich eigentlich wissen, ob sich die anderen doof dabei fühlen. Das interessiert Lehrerinnen nicht.

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Samstag, 2. Mai 2020
Na, gut, ich will kurz versuchen, diesen Moment festzuhalten.

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Ich kann es nicht, ich kann es nicht beschreiben mit Worten.

Tut mir leid.

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Dienstag, 28. April 2020
Ja, ich lebe noch. Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit, arbeite, fahre wieder zurück, gehe spazieren und kenne die Gegend jetzt in und auswendig. Hallo Grashalm, Hallo Strauch.

Abends mache ich Unterricht vor dem Bildschirm mit, Yoga, GAGA, Ballett und ich gucke mir die Aufführungen an. Das ist eigentlich ganz toll, weil ich mit Menschen in Kontakt komme, zu denen ich sonst gar keinen Kontakt hätte und Stücke sehen kann, die ich sonst nicht sehen könnte.

Ich lese viel. Der Wal und das Ende der Welt. Das ärgert mich heute noch, dass ich das gelesen habe. Eigentlich nicht schlecht, aber von der Zuckerfüllung wird einem leider übel. Dialoge, die eigentlich Erklärbär-Monologe sind. Es nervt.

Danach erstmal das Parfüm gelesen, nach dreißig Jahren. Der Roman ist jetzt Schullektüre. Das Tor Welt der intimster Gelüste. Oder zum Achselzucken. Je nachdem, was für ein Typ man ist.

Gleich danach gute, alte Fachliteartur besorgt: Edwin T. Morris "Düfte". Bin fast durch.

Ich werde dieses Jahr keinen eigenen Song schreiben, dafür spiele ich viel nach, Gitarre und Gesang, was mir sehr viel Spaß macht.

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Mittwoch, 25. März 2020
Oh, verdammt. Ich bin gerade durch. Ich bin immer wieder fassungslos, mit was für einen Quatsch ich von Freunden und guten Bekannten belästigt werde. Der eine schickt mir absurde Videos mit scheußlicher Ästhetik und Heilsbotschaften, ewiggestrig selbstverliebt. Was er Freund nennt, ist für ihn ein roter Teppich, über den er wie ein Gockel drüberstolziert.

Die Stalkerin hat mir ja schon gezeigt, wie verrückt manche sind.

Und gestern versucht mich jemand, dem ich wirklich vertraut habe, für ein total durchschaubar undurchschaubares Geschäftsmodell zu gewinnen.

Das alles ist so eklig und absurd und grenzüberschreitend und nicht normal.

Manmanman, ich erwarte doch echt nicht viel, bloß keinen Bullshit. Gabi Delgado ist gestorben, ich höre jetzt D.A.F. und wippe mit dem Fuß.

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Montag, 2. März 2020
Gestern habe ich mich im Fitnessstudio angemeldet. Wir haben hier eines, das zu einem Rehazentrum gehört, nette Leute, supergünstig, keine laute Musik in den Räumen.

Freitag bekomme ich eine Einführung, die ich auch brauche, da ich nicht weiß, was ich mit den Geräten anfangen soll. Hantel und schräges Brett für die Bauchmuskeln kannte ich und habe dort eine halbe Stunde trainiert. Danach bin ich hoch zu den Fahrrädern, tippel auf dem Display rum und suche den Schalter zum Anmachen, bis ich merke, das man einfach losfahren muss. Um mich herum furchteinflößende Menschen, die wissen, wie alles funktioniert und denen die Muskeln aus den engen Klamotten quillen. Ich sehe mit meinen gemütlichen Jogginghosen und Sweatshirt fehl am Platze aus. Ich fahre eine halbe Stunde Rad und am Ende fühle ich mich fit und ausgeglichen wie schon lange nicht mehr.

Sonntag morgens gehe ich jetzt trainieren, habe ich mir vorgenommen.

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Dienstag, 25. Februar 2020
Ich konnte es so nicht stehen lassen und allzusehr ins Detail will ich auch nicht gehen.

Am Wochenende hatte ich Workshop und meine liebe, nette Lehrerin dachte sich, dass es doch nett und lustig wäre, sehr gefühlsintensives Partnering zu machen. Solange das Show ist und Handwerk und gespielt ist, ist es gut, aber manchmal werden da Seiten angeschlagen, so ganz feine, stille, die sich zu einem Orchester hochschaukeln.

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Freitag, 14. Februar 2020
Der letzte Eintrag vom 26. November. Doch so lange nichts geschrieben. Bis Weihnachten ist mir ja alles zu viel. Dieses Jahr war es mir sogar egal, was es zu essen gibt.

An meinem Geburtstags ging ich zu einem Workshop. Ich sollte in die Fortgeschrittenen-Gruppe, weil die für Anfänger so voll war. Naja, O.K., sage ich. Die Fortgeschrittenen-Gruppe. Lauter junge, fitte Frauen. Sehr schnelles Floor-Work. W. schickt ein Video davon in die Gruppe und auf den Instagram-Account ihrer Schule. Neben mir eine junge, ziemlich gute Tänzerin. Ich mache mich gar nicht schlecht, denke ich, so im direkten Vergleich. Ich bin mehr als zufrieden und merke, wie der Druck, den ich mir selbst immer mache, nachlässt. L. sieht das Video von mir und fragt mich, wann ich wieder in ihren Unterricht komme. Ich brauche Pause. Ich brauche Zeit. Ich brauche Zeit zum Nachdenken und für andere Sachen.

Zu C.s Geburtstag lade ich mich selbst ein. Seine Ex-Frau, die jetzige Freundin und ich sitzen bis in die feuchtfröhliche Nacht.

Über Weihnachten komme ich endlich zum Lesen. So richtig. In einem Zug. Das Schwesterherz schenkt mir Hamburg-Krimis, die auf dem Kiez spielen. Ich vergesse die Zeit und verbringe sie mit Lesen. Silvester ist das Haus voll und T. wirft drei Kniffel in einem Spiel. Wir unterhalten uns über Musik und Kunst und draußen stoße ich mit den Nachbarn an.

Ich habe mir eine Kamera zum Geburtstag geschenkt und jetzt kann ich wieder ordentlich fotografieren.

Anfang Januar meldet sich A., den ich Sommer nach acht Jahren Pause wieder treffe. Ich sage spontan zu und wir treffen uns bei ihm. Er hat Rotwein und arbeitet gerade an einem Album. Ich will es hören. Ich bin der erste, dem er es vorspielt. Die Maus zittert sekundenlang über dem Play-Button. “Jetzt spiel’s schon ab!” Ich verstehe ihn, durch und durch, habe ich damals schon, als ich das Artwork für seine Band gemacht habe. Endlich ist er frei und kann am Computer machen, was er will. Wir reden lange, alles sprudelt nur so raus. Ich werde wieder das Artwork machen. Ich freue mich sehr, dass er wieder hier wohnt und seinen Interessen nachgeht.

Nach einem halben Jahr sage ich L. wieder zu, an einem Tanz-Workshop von ihr teilzunehmen. Sie ist wie immer, unverändert, freut sich wie Bolle. Die Gruppe ist toll und unglaublich nett. Ich werde wieder ab und zu zu ihr gehen.

Ja, stimmt, sage ich, ich verliebe mich ständig, aber anders. Die große Leidenschaft finde ich beim Tanzen, oder in der Musik oder in der Kunst. Ich verliebe mich in Bewegungen, in einer Art, sich zu bewegen, zu lachen. Ich nehme es als vollkommen okayes Anhimmeln. Mehr nicht. Dazwischen sind Dimensionen, ich lebe auf einem anderen Planeten. Wir treffen uns mit viel Humor in der Schwerelosigkeit und gehen dann wieder getrennt zurück auf unsere Planeten, wo die Schwerkraft uns am Boden hält.

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Dienstag, 26. November 2019
"Heute geht's um Gefühle, jetzt tanzt das Ganze mal sexy!"
"Sexy ist kein Gefühl."
"Dann tanz es halt geil."
"Geil?!"
"Nuttig?"
"Das sind alles Adjektive .."
"..."

Interessanter Einwand, fand ich. Tasächlich, wir teilen Gefühle, aber tanzen Adjektive. Sexy ist für mich ohne Frage ein Gefühl. Viele Adjektive fühle ich tatsächlich. Ich denke mal drüber nach. Beizeiten. Wenn ich Lust und Zeit habe.

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Freitag, 15. November 2019
Ich gehe jetzt regelmäßig zum Frisör. Vor 15 Jahren fing ich an, mir die Haare selbst zu schneiden. Nach dem Motto: Hold my beer ... Dementsprechend sah es dann auch manchmal aus. In der Regel lief es aber ganz gut.

Wenn ich zwischendrin beim Frisör war, dachte ich manchmal: Na, das kann ich auch ...

Jetzt habe ich aber einen Frisör, zu dem ich regelmäßig gehe. Er ist ziemlich nett.

Der Grund, weshalb ich nicht so gerne zu Frisör gehe, ist ganz einfach: Im gleißenden Neonlicht mit diesem Umhang sehe ich noch älter und noch gräßlicher aus und wenn die Frisur dann fetig ist, gehe ich draußen schnell um die Ecke, um mir das Hingeföhnte wieder rauszuwuscheln.

Während der Schneidevorgangs scheitelt er mir das Haar und ich stelle mir vor, ich sei der kleine, missratene Halbbruder von Cary Grant. Ich blicke in den Spiegel und versuche, einen verschmitzt-eleganten Blick aufzusetzen.

Ich bin immer gewillt, den Fisör zu duzen, aber er siezt mich und zwar ständig mit meinem Nachnamen. Ja, Herr Ypsilon, kurz genug, Herr Ypsilon? Gut so, Herr Ypsilon? Und damit fühle ich mich so richtig alt.

Ich gehe danach direkt zum Tanzen. P. bastelt die nächste Choreographie zusammen, ich habe die letzte Stunde verpasst, in der er zwei neue Sequenzen eingeführt hat. Ich haspel mich irgendwie durch, mir schwirrt der Kopf. Die Figuren selbst machen mir keine Probleme, aber der Ablauf.

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Es wird Zeit, mich mal wieder mit Freunden zu treffen.

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Montag, 11. November 2019
Gestern war ich auf einem zweieinhalbstündigen Yogaworkshop.

Ich fange wieder an zu meditieren, Yoga funktioniert sehr gut, in den Dehn- und Aufwärmphasen machen wir Ähnliches. Das Ganze als Vorbereitung zum Meditieren zu sehen, finde ich ziemlich grandios. Dieses geistige, oder geradzu sprituelle Ziel hat mir gefehlt. Die Auswirkungen des Workshops sind enorm. Ich habe geschlafen wie ein Baby und heute morgen so ausgeruht aufgewacht wie noch nie.

Ich meditiere seit meiner Jugend, phasenweise, einfach nur, um den stream of consciousness runterzufahren.

Samstag Abend traf ich eine alte Bekannte, die mich fragte, ob ich noch tanze. Klar, sage ich. Süß, sagt sie. Das sagt sie jedesmal, und jedesmal gucke ich irritiert. Ja, sagt sie, ich weiß, das du nicht magst, wenn ich das sage. Naja, sage ich, ich finde das total abwertend und nicht angemessen. Wenn du sagen würdest: schön, beeindruckend, sexy, das würde passen. Wenn ich Kampfsport machen würde, Marathon laufen, wäre das auch süß? Jajaja, beschwichtigt sie, ich weiß ja, wieviel Arbeit da drin steckt und ich finde es beeindruckend, ich kann es nur nicht so ausdrücken, wie du. Bullshit, denke ich, das ist einfach bloß verklemmt. Wenn jemand sagt: Kann ich nichts mit anfangen, dann finde ich das O.K., aber das, was einen fasziniert, kann man doch in Worte fassen.

Und ich habe leider eine Stalkerin. Was zur Hölle ist mit den Menschen loß? Frauen genaugenommen, denen ich mich geöffnet habe? Denen ich einfach bloß von mir erzählt habe.

Zusammengefasst kann ich nur sagen: Man ist als Mann wohl gut darin beraten, Frauen etwas vorzumachen, weil sie mit ganz normaler Normalität nix anfangen können. Allerdings höre ich immer wieder: Naja, du bist ja auch kein normaler Mann. Das ist absurd. Ich bin sowas von normal, stinknormal, total langweilig, stinklangweilig und stinknaormal. Wenns regnet, werde ich nass, ich gehe jeden Tag auf's Klo, trinke Kaffe und trage gerne Jeans und T-Shirt.

[Nachtrag: Das ist viel zu verkürzt, dass man jemandem etwas vormachen muss. Eher gilt es, eine gewisse Souveränität und Vorsicht walten zu lassen. Meine Regeln kenne ich, trotzdem gelten sie nicht nur für mich persönlich, denn sie sind das Ergebnis meiner sozialen Erfahrung und persönlichen Überzeugung. Zum Beispiel diese: Wenn Dir jemand zu verstehen gibt (egal, in welcher Form), dass er etwas nicht möchte, was im Rahmen seiner persönlichen Freiheit liegt, entschuldige dich und lass es bleiben. Das ist doch nicht zu viel erwartet.]

Auf der Plattenbörse unterhalte ich mich mit einem Mann in meinem Alter, der einen Stapel Punk-Platten gekauft hat. Sein Haar ist grau, seine Zähne sind nicht die besten. Alles, was er erzählt, verzweifelt manchmal, manchmal leidenschaftlich, ist absolut plausibel und normal. Ich stimme ihm in vielem zu und denke, dass ich mich lange nicht so gut und normal unterhalten habe. Die im Norden, sagt er, sind viel gastfreundlicher und netter als hier unten. Ich stimme ihm zu und wenn es nicht Samstag morgen gewesen wäre, hätte ich eine Flasche Schnaps auf den Tisch gestellt. Ich mag die Plattenbörse sehr. Ich bin genau so schrullig wie die. Bloß, dass mein Musikgeschmack anders ist. Ich habe eine unversehrte Bossanova von Pixies gekauft, unzerkratzte B 52's, Style Council und Treasure von Cocteau Twins, mein Lieblingsalbum seit 1985.

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Donnerstag, 31. Oktober 2019
Was mir im Herzen so weh tut, ist die Tatsache, dass ich bei It's alright mit den Menschen um mich herum über Ambuguitätstoleranz reden könnte, aber nicht, wie toll One Hundred Lyrics von Neil Tennant ist.
Was ist erwachsen werden? Tanzen? Oder politisch werden?
Man kann nur lieben, wenn man sich selbst liebt? Dann kann man auch nur andere verstehen, wenn man sich selbst versteht.
Und, ganz ehrlich, wie menschlich ist das Politische?
Kein Wunder, dass viele den Rückzug ins Private mit Haltung nach außen leben. Vegan werden, Auto abschaffen, nicht mehr fliegen, Regenbogenfahne hissen.
Eine alte Freundin von mir hätte jetzt den Mundwinkel verzogen, mir mit dem Platikbecher mit Rotwein gefüllt. zugeprostet und gesagt: Ich glaube, Du brauchst mal wieder Sex.
Diese Frau wird jetzt übrigens Oma.

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