Donnerstag, 6. Dezember 2018
Wie alt bist Du, fragt mich die Frau des Chefs meiner Frau.
Wir sind eingeladen, uns die Fotos ihrer Reise in die Mongolei anzusehen. Es ist unser Hochzeitstag, wir tragen zur Feier des Tages unsere Ringe. Es ist uns etwas unangenehm, weil es etwas Offizielles hat. Der Chef und seine Frau sind sehr nett, herzensgute Menschen. Ich würde es keine fünf Tage in der Mongolei aushalten.
Ich sitze auf der Couch, nach zwei Sekt und einem Glas Wein.
Zweiundfmfzch, nuschel ich.
Oh, sagt sie, ich bin 14 Jahre älter. Ich nippe an meinem Wein. Mein Kopf rechnet nach und kommt auf die Summe 66. Ich sehe sie an. Sie sieht nicht aus wie 66. Rundlich zwar, aber fröhlich verschmitzt und aufgeschlossen. So alt wirkt sie noch nicht. Unsinn, denke ich, sie ist Mitte Vierzig. Neinnein, sage ich. Das Gespräch ist längst woanders. Ich bin nicht 42, sondern 52. Sie guckt mich an. Ach, ich hätte Dich für 42 gehalten.
Die Fotos von der Mongolei sind toll. Unglaubliches Licht, unglaubliche Landschaften.

An dem Abend hätte ich Tanzunterricht gehabt. Contemporary. Ich schrieb meinem Tanzlehrer, dass ich nicht komme, es hagelt hugs and kisses in Emojiform.

Wir machen gerade eine Partnerchoreografie. Sehr innig, sehr intim, sehr anspruchsvoll. Ich mache den Butterflysprung mit dem Leher vor. Es sieht mich an. Oh, you're so strong. Er wendet sich an meine Partnerin. You are abolsutely safe. Sie muss sich beim Sprung an meine Hüften festhalten, ich halte ihre und drehe sie kopfüber. Sie hat ihr Oberteil ausgezogen und trägt nur noch ein Spaghettiträgerhemd. Ich mag ihre Art. Sie wirkt als würden wir zusammen ein Fenster einbauen. Besser kann man Contemporary Dance nicht beschreiben. Genau so ist es. Arbeit in absoluter Freigabe, Hingabe und Entblößung.

T. sieht mich an. Wir trafen uns in einer Bar. Du würdest auch nackt tanzen, oder, fragt er. Er nippt an seiner Cola. Ja, sage ich. Ich glaube, Du hast es verstanden.

Nanine Linning hat mal gesagt, wenn man nackt tanzt, ist es politisch. Absolut richtig.

Wenn ich mit meiner Frau ins Tanztheater gehe, sind ihr die Körper der Frauen trotzdem noch zu entblößt. Sie sieht eine Ungerechtigkeit darin, dass man die Brustwarzen der Frauen sieht und die der Männer nicht.

Ich spüre die Kraft der Körper, das Äußerliche ist mir einerlei.

Ich bin 52. Die Mitte meines Lebens ist erreicht. Ich atme auf, endlich ist es vorbei mit der Unendlichkeit. Die Zukunft ist überschaubar, zählbar, vorstellbar. Ich nehme, was ich habe, zähle die Kröten zusammen, denke darüber nach was ich bin und was mir wichtig ist. Humor. Ich will Freude haben. Mein Lebens ist ab jetzt zu kurz, um mir das Leben zu vermiesen. Die Freude erlebe ich auf dem Tanzboden, aus weichem Kunststoff oder Holz. Die Luft feucht von Schweiß, der Boden voller Haare, klebrig. Die Körper in bewusster Hingabe. Man sieht sich an, man lächelt sich an, man geht auseinander, wissend.

Man ist einsam. Und doch zusammen. Vor allem hat man keine Alternative.

Es kippt irgendwann. Anfangs habe ich mich gefragt: Was machst Du da? In welcher Beziehung steht das zum Alltag, zum richtigen Leben? Jetzt sehe ich nur noch zu, dass es immer präsent ist. In jeder Bewegung, in einem Blick, wenn ich will.

Ich mag fremd wirken. Wie ein kleines Kind. Ich will das so. Ich weiß, was Verschmelzung ist, und ich weiß, was Freiheit ist. Das habe ich erfahren über die Sexualität und das Tanzen. Was das Eine mit dem Anderen für mich zu tun hat, erzähle ich später.

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Es geht weiter - wie schön! : )

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:)

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